Fleisch

Verhaltensanreize für weniger Fleischkonsum: Wie wirksam ist Nudging tatsächlich?

Isabel Schäufele-ElbersFreie Universität Bozen

Die Transformation hin zu einer nachhaltigen Sozialen Marktwirtschaft ist ohne tiefgreifende Veränderungen im globalen Ernährungssystem kaum vorstellbar. Bis zu ein Drittel der weltweiten Treibhausgasemissionen geht auf das globale Ernährungssystem zurück. Insbesondere die Produktion und der Konsum von Fleisch spielen dabei eine zentrale Rolle.

Während angebotsseitige Maßnahmen unverzichtbar bleiben, rücken nachfrageseitige Strategien zunehmend in den Fokus der Forschung. Aktuelle Studien zeigen, dass die Reduktion des Fleischkonsums ein bislang unterschätztes Potenzial bietet und einen besonders wirksamen Hebel für den Klimaschutz darstellt.

Eine Reduktion des Fleischkonsums adressiert aber neben dem Klimaschutz auch weitere ökologische Dimensionen wie Biodiversität und gesundheitliche Aspekte sowie ethische Fragen des Tierwohls, die in der gesellschaftlichen Debatte zunehmend an Bedeutung gewinnen.

Ansätze für sinkenden Fleischkonsum

In der politischen und wissenschaftlichen Debatte werden unterschiedliche Instrumente diskutiert, darunter Steuern, Informationskampagnen, Kennzeichnungssysteme, Bildungsangebote sowie verhaltensökonomische Ansätze wie Nudging.

Zwar zeigen ökonomische Analysen, dass Fleischsteuern wirksam wären und erhebliche ökologische wie gesundheitliche Vorteile mit sich brächten, doch gelten sie als politisch schwer durchsetzbar und gesellschaftlich wenig akzeptiert. Der bislang dominierende politische Ansatz setzt daher vor allem auf Information, Aufklärung und Transparenz – in der Annahme, dass gut informierte Verbraucherinnen und Verbraucher rationale und nachhaltige Entscheidungen treffen.

Empirische Befunde zeichnen jedoch ein anderes Bild: Ernährungsentscheidungen sind häufig habitualisiert und werden stärker von automatischen als von bewussten Prozessen gesteuert. Selbst wenn die Bereitschaft zur Reduktion des Fleischkonsums vorhanden ist, scheitert die Umsetzung im Alltag oft an dieser Lücke zwischen Einstellung, Intention und tatsächlichem Verhalten.

Diese Erkenntnisse machen deutlich, warum ergänzende Strategien erforderlich sind, die genau an diesen automatischen Entscheidungsprozessen ansetzen und warum Nudging als politisches Instrument zunehmend an Bedeutung gewinnt.

Wie wirksam ist Nudging tatsächlich?

Nudging gilt als vielversprechendes Instrument. Es handelt sich um gezielte kleine Anstöße, die Menschen zu einem bestimmten Verhalten bewegen, ohne ihre Entscheidungsfreiheit formal einzuschränken. So sollen Zielkonflikte zwischen materiellem Wohlstand, sozialer Gerechtigkeit und ökologischer Nachhaltigkeit aufgelöst werden. Gerade in der Sozialen Marktwirtschaft, die auf individuelle Wahlfreiheit setzt, erscheint dieser Ansatz besonders anschlussfähig.

Doch wie wirksam ist Nudging tatsächlich, wenn es um die Reduktion des Fleischkonsums geht?

Um diese Frage zu beantworten, haben wir sämtliche bislang vorliegenden internationalen Studien zu Nudging-Interventionen im Kontext des Fleischkonsums systematisch ausgewertet. Ziel war es, erstmals einen umfassenden Überblick über die Wirksamkeit unterschiedlicher Maßnahmen zu gewinnen und ihre Effekte quantitativ zu vergleichen.

In die Meta-Analyse flossen 33 Studien ein, die auf Feldexperimenten mit insgesamt 78 unterschiedlichen Interventionen basieren, durchgeführt überwiegend in realen Entscheidungssituationen wie Mensen, Kantinen oder Restaurants.

Die Ergebnisse zeichnen ein differenziertes Bild. Auf der einen Seite zeigen sie deutlich: Nudging kann ein sehr wirkungsvolles Instrument sein, um den Fleischkonsum zu reduzieren. In einzelnen Fällen sank der Fleischkonsum um bis zu 50 Prozent.

Auf der anderen Seite wird ebenso klar, dass Nudging keineswegs automatisch wirkt. Die Effekte reichten von deutlichen Reduktionen bis hin zu einem Anstieg des Fleischkonsums um bis zu 28 Prozent.

Wie Nudging besonders wirksam ist

Trotz dieser Heterogenität lassen sich klare Muster erkennen, welche Arten von Nudging-Interventionen besonders wirksam sind. Nahezu alle starken Reduktionen des Fleischkonsums wurden durch Eingriffe in die Entscheidungsarchitektur erreicht – also durch Maßnahmen, die es einfacher machen, eine vegetarische oder fleischarme Option zu wählen.

Beispiele dafür sind vegetarische Tagesgerichte als Standardoption, die prominente Platzierung fleischloser Gerichte ganz oben auf der Speisekarte oder die Notwendigkeit, Fleisch aktiv zu einem Gericht hinzu zu bestellen. In solchen Fällen ging der Fleischkonsum in Mensen oder Restaurants teils um mehr als die Hälfte zurück.

Demgegenüber zeigten Interventionen, die ausschließlich auf Information setzen, kaum Wirkung. Hinweise auf den CO₂-Fußabdruck von Fleischgerichten oder Botschaften zum Klimaschutz führten in der Regel nicht zu signifikanten Verhaltensänderungen.

Vorteile des sinkenden Fleischkonsums

Die Relevanz dieser Erkenntnisse reicht weit über einzelne Gastronomiebetriebe hinaus. Für Unternehmen eröffnen wirksame Nudging-Strategien die Möglichkeit, ökologische und ökonomische Ziele miteinander zu verbinden. Weniger Fleisch bedeutet in der Regel geringere Einkaufskosten.

Dadurch entsteht finanzieller Spielraum, der etwa für regionale oder ökologische Produkte genutzt werden kann, die häufig mit einem Preisaufschlag verbunden sind. Auf diese Weise lassen sich die oft beschriebenen Zielkonflikte zwischen marktwirtschaftlichen Interessen und ökologischen Anforderungen entschärfen.

Auch aus gesellschaftlicher Perspektive ist der Nutzen vielschichtig. Ein geringerer Fleischkonsum ist nicht nur klimafreundlicher, sondern geht in vielen Fällen auch mit gesundheitlichen Vorteilen einher. Nudging-Interventionen können somit gleichzeitig zur ökologischen Nachhaltigkeit, zur wirtschaftlichen Tragfähigkeit und zum individuellen Wohlbefinden beitragen.

Weiterer Forschungsbedarf vorhanden

Gleichzeitig zeigt die Meta-Analyse deutlich, wo weiterer Forschungsbedarf besteht. Viele der bislang vorliegenden Studien konzentrieren sich auf Mensen, etwa an Universitäten. Für eine breitere Übertragbarkeit braucht es mehr Evidenz aus der Gastronomie und Hotellerie.

Zudem fehlen häufig detaillierte Informationen über die Testpersonen. Um besser zu verstehen, warum Nudges bei manchen Menschen wirken und bei anderen nicht, sind Daten zu individuellen Werten, Einstellungen und soziodemografischen Merkmalen unerlässlich.

Verhaltensinterventionen sind kein Ersatz für strukturelle Reformen, wohl aber eine sinnvolle Ergänzung. Richtig eingesetzt, können sie helfen, Transformationspfade zu beschleunigen, ohne Akzeptanz zu verlieren oder die Wahlfreiheit einzuschränken. Die neue Evidenz zeigt: Nudging kann sehr stark wirken – wenn es klug gestaltet, regelmäßig überprüft und in eine kohärente Transformationsstrategie eingebettet wird.

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