Wärme

regryd: „Deutschland setzt lieber auf Standard-Lösungen.“

Jörn JacobsLeiter Geschäftsbereich Umwelt, Energie- und Fabrikanlagen

In unserer Interview-Reihe sprechen wir mit kleinen und mittleren Unternehmen über das Thema nachhaltige Innovationen – und darüber, welche staatlichen Rahmenbedingungen aus ihrer Perspektive gegeben sein müssen, damit die anstehende Nachhaltigkeitstransformation erfolgreich bewältigt werden kann.

Dieses Mal geht es um das Unternehmen regryd, das Langzeitspeicher für Energie entwickelt. CEO Jörn Jacobs erläutert im Interview, wie sein Start-up die Wärmewende voranbringen will und warum es seiner Ansicht nach in Deutschland an Technologieoffenheit und Visionen fehlt.

Könnten Sie uns Ihr Produkt näher erläutern?

Unser Hochtemperatur-Speicher regryd ist eine Power-to-Heat-Lösung aus Basalt-Gestein. Wir lösen zwei zentrale Herausforderungen: Überschüssigen Strom aus Wind oder Solar wandeln wir in Wärme um und speichern diese bei bis zu 850 Grad Celsius. Gleichzeitig können wir industrielle Abwärme aufnehmen – die sonst einfach verpufft. Diese Temperaturen halten wir und stellen sie dann wieder als Energie zur Verfügung. Der Wärmeverlust liegt bei nur 0,15 Prozent pro Tag.

Unser Fokus liegt auch auf sogenanntem „Grünem Dampf“ – einem zentralen Baustein für die Industrie-Dekarbonisierung. Viele Produktionsprozesse brauchen Prozessdampf. Wir arbeiten daran, diesen CO₂-neutral zu liefern.

Wir setzen bei unserer Technologie bewusst auf Basalt – regional verfügbar, recyclebar und robust. Das macht uns unabhängig von importabhängigen Speichertechnologien und wir verzichten auf kritische Rohstoffe.

Die Anwendung treibt sowohl die industrielle Wärmewende als auch kommunale Fernwärmenetze voran. Hier liegt enormes Dekarbonisierungspotential, das bisher zu wenig Beachtung findet.

Allerdings sind sowohl für Betriebe als auch für Kommunen Preise äußerst relevant.

Energie ist das Gold der Zukunft. Die Kosten steigen unter anderem durch wachsende Nachfrage und CO₂-Besteuerung. Wenn mich jemand fragt, wie wir beispielsweise im Vergleich zu einem Gas-BHKW preislich dastehen, sage ich: Das vergleichen wir nicht mehr. Bei fossilen Systemen stellen sich deutliche Preissteigerungen ein.

Wir sind zukunftsgerichtet und wir sind effizienter als Gaskraftwerke – das belegen Machbarkeitsstudien. Besonders spannend wird das für die Wärmewende im ländlichen Raum, wo größere Chancen liegen als in Metropolregionen.

Haben Prozesse in der Förderlandschaft bisher gut funktioniert?

Mentoringprogramme bringen uns enorm voran. Wir konnten den Public Value Award gewinnen und wurden Teil der SpinLab Masterclass, dass verschaffte uns sechs Monate intensives Coaching und Zugang zu wichtigen Netzwerken. Jedes Start-up sollte sich auf solche Programme bewerben.

Bei der finanziellen Förderung erleben wir Herausforderungen durch die politische Haushaltsplanung. Förderpakete werden kurzfristig geschlossen, obwohl wir sie bereits beantragt haben. Das entspannt sich wieder, aber die Zielsetzungen widersprechen sich und die Verfahren sind umständlich.

Dazu kommt: Software-Unternehmen werden bevorzugt. Wir brauchen für Hardware-Prototypen höhere Mittel. Beim Thema Speicher denken viele zudem nur an Batterien. Als innovative Lösung passen wir nicht ins Raster der Förderanforderungen. Dabei brauchen wir eine breite Palette technischer Lösungen.

Warum fehlt es an dieser Technologieoffenheit in Deutschland?

Hier fehlen Mut und Investitionsbereitschaft. Stadtwerke sagen oft: „Das ist die Lösung, die wir brauchen – aber ihr seid zu früh für uns. Kommt in drei, vier Jahren wieder.“ Als Start-up haben wir diese Zeit nicht – wir kämpfen ums Überleben.

Technikabteilungen setzen lieber auf Standardprodukte. So vermeiden sie Mehraufwand und verlassen die Komfortzone nicht.

Aber wir bleiben zuversichtlich und betreiben viel Aufklärungs- und Netzwerkarbeit.

Wie könnte die Politik nachhaltige Start-ups und KMU besser unterstützen?

Finanzmittel sollten schneller verfügbar werden – ohne überbordende Bürokratie. Start-ups sind auf Geschwindigkeit angewiesen. Die Förderlandschaft in den Bundesländern braucht einheitliche Regularien. Wir stecken zu viel Zeit und Kraft in diese Verfahren.

Was, denken Sie, bräuchten wir generell, um unsere Wirtschaft in nachhaltigere Bahnen zu lenken?

Eine klare Vision. Wir definieren ein Ziel und arbeiten alle daran. So kommen wir ins Machen, anstatt ewig zu diskutieren. Unsere Branche steht auf Halbachtstellung und fragt sich, was als nächstes passiert. Das ändern wir mit eigenen Initiativen.

 Weitere Beiträge zum Thema auf unserem Blog:

Warum wir Subventionen auf fossile Energie streichen sollten von Prof. Dr. Sebastian Rausch und Tim Kalmey, Universität Heidelberg/ ZEW

Umkämpfte Wärmewende: Diskursstränge gegen das Gebäudeenergiegesetz von Dr. Tobias Haas, RIFS und Kolleg:innen

Wie die Wärmewende durch oberflächennahe Geothermie gelingen kann von Prof. Dr. Kilian Bizer, Georg-August-Universität Göttingen und Kolleg:innen

 



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