Markiert 2025 einen Wendepunkt im Klimaschutz?
Im Vergleich zu den beiden Vorjahren könnte der Rückgang der Treibhausgasemissionen 2025 deutlich geringer ausfallen. Darauf deuten Schätzung der AG-Energiebilanzen und von Agora Energiewende hin. Handelt es sich 2025 um eine Ausnahme – oder um einen Trend? Sascha Samadi ist Senior Researcher am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie und schätzt die Situation auf unserem Blog ein.
Herr Samadi, werden die Emissionsminderungen wesentlich geringer ausfallen als in den Vorjahren?
Nach den vorliegenden Daten ist davon auszugehen, dass die Treibhausgasemissionen in Deutschland in diesem Jahr nur leicht sinken werden, voraussichtlich um etwa ein bis zwei Prozent gegenüber dem Vorjahr. Zwischen 2021 und 2024 waren die Treibhausgasemissionen in Deutschland noch deutlich stärker gesunken, und zwar um insgesamt rund 15 Prozent. Dieser starke Rückgang war allerdings nur in Teilen auf Klimaschutzmaßnahmen zurückzuführen.
Wodurch wurde der starke Rückgang der Vorjahre dann verursacht?
In wesentlichen Teilen durch Sondereffekte. Also durch Entwicklungen, die nicht auf konkreten Klimaschutzbemühungen basieren und bei denen klar war, dass sie sich nicht dauerhaft fortsetzen würden.
So waren die Wintermonate der Jahre 2022 bis 2024 deutlich milder als im langjährigen Durchschnitt und auch als im Jahr 2021, was zu einem verminderten Heizenergiebedarf geführt hat. Auch ein deutlicher Rückgang der energieintensiven industriellen Produktion, bedingt unter anderem durch hohe Energiepreise, hat in den letzten Jahren zu dem Rückgang der Treibhausgasemissionen beigetragen.
Und schließlich ist Deutschland seit 2023 ein Nettostromimporteur. Dass Deutschland also mittlerweile – anders als noch 2021 – mehr Strom aus dem Ausland bezieht, als es Strom ins Ausland verkauft, ist neben dem Ausbau erneuerbarer Energien ein wichtiger Grund, warum in Deutschland weniger Strom aus Gas- und Kohlekraftwerken produziert wurde als noch 2021.
Und diese Sondereffekte gab es 2025 nicht mehr?
Einige dieser Sondereffekte haben sich nicht fortgesetzt, sondern wiesen eine gegenläufige Entwicklung auf. Insbesondere in den ersten drei Monaten des Jahres waren die Außentemperaturen niedriger als in den Vorjahren, weswegen in Gebäuden mehr Erdgas und Mineralöl für die Raumwärmeerzeugung eingesetzt wurden.
Gleichzeitig hat der Stromimportsaldo abgenommen, wodurch 2025 wieder etwas mehr Strom aus fossilen Kraftwerken in Deutschland selbst erzeugt wurde als im Vorjahr. In den vorherigen Jahren ging die fossile Stromerzeugung in Deutschland durch den stetigen Zuwachs an Erneuerbaren-Energien-Anlagen sowie steigende Nettostromimporte noch deutlich zurück.
Hinzu kam im vergangenen Jahr ein weiterer Sondereffekt: In den ersten vier Monaten des Jahres lagen außerordentlich schwache Windverhältnisse vor, wodurch deutlich weniger Windstrom erzeugt wurde als in den ersten Monaten der Vorjahre. Aus diesem Grund lag der Anteil erneuerbarer Energien am Stromverbrauch trotz eines fortgesetzten bedeutenden Ausbaus von Wind- und Photovoltaik-Anlagen im Jahr 2025 wohl nur geringfügig höher als 2024. Anders als in den Vorjahren ging damit kaum ein emissionsmindernder Effekt von zusätzlicher Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien aus.
Ist 2025 also ein Wendepunkt?
Ich sehe die sehr begrenzten Minderungen der Treibhausgasemissionen nicht als Beginn eines Trends, sondern eher als eine Art ‚Korrektur‘ der für den Klimaschutz vorteilhaften Sondereffekte der vorangegangenen Jahre. In den kommenden Jahren rechne ich zumindest im langjährigen Trend wieder mit einem stärkeren Rückgang der Treibhausgasemissionen.
Ob dieser Rückgang stark genug sein wird, um das Klimaziel für 2030 zu erreichen, wird im Wesentlichen von den klimapolitischen Weichenstellungen der aktuellen Bundesregierung abhängen. Von entscheidender Bedeutung wird dafür das Ambitionsniveau und die Impulswirkung des Nationalen Klimaschutzprogramms sein, dass bis zum Ende des ersten Quartals 2026 vorgelegt werden soll.
Was bedeutet das für das künftige Klimaschutzprogramm?
Das kommende Klimaschutzprogramm der Bundesregierung wird entscheidend sein für die Frage, ob Deutschland sein Klimaschutzziel für 2030 einhalten wird und ob es gelingen wird, die Weichen in Richtung Klimaneutralität bis 2045 zu stellen. Ohne zusätzliche und klare klimapolitische Impulse vor allem im Bereich Gebäude und Mobilität wird Deutschland meiner Einschätzung nach sein Klimaschutzziel für das Jahr 2030 verfehlen.
Wir sehen beispielsweise, dass die Neuzulassungen von Elektroautos in Deutschland bisher deutlich hinter den Zahlen zurückbleiben, die aktuelle Studien für das Erreichen des 2030-Klimaziels für erforderlich halten. Das gleiche gilt für den Austausch fossil betriebener Heizungen durch Wärmepumpen und Fernwärmeanschlüsse. Trotz gestiegener Verkaufszahlen bei Elektroautos und Wärmepumpen in den vergangenen Monaten bedarf es in diesen Bereichen einer weiteren Beschleunigung der Elektrifizierung. Verschiedene Politikinstrumente sind hierfür denkbar.
Zum Beispiel?
Bei der Elektromobilität ist als haushaltsschonende Alternative zu der geplanten Wiedereinführung einer finanziellen Förderung des Elektroauto-Kaufs auch ein so genanntes Bonus-Malus-System denkbar. Ein solches System würde den Kauf von Verbrenner-Autos verteuern und ermöglicht dem Staat über die so eingenommenen Mittel eine Förderung des Kaufs von Elektroautos.
Welche Möglichkeiten sehen Sie noch?
Im Bereich der Gebäudeheizungen würde voraussichtlich bereits ein Verzicht auf das aktuell diskutierte Aufweichen der Vorgaben des aktuellen Gebäudeenergiegesetzes helfen. Bei diesen Vorgaben geht es um Mindestanteile für die Nutzung erneuerbarer Energien in neu installierten Heizungssystemen. Unterlegt man dieses Gesetz mit einem nachvollziehbaren und einfachen Förderrahmen, dann würden in den nächsten Jahren klare Rahmenbedingungen hinsichtlich des klimafreundlichen Austauschs von Heizungen greifen.
Dringend geboten ist dabei, dass die kommenden Klimaschutzmaßnahmen der Bundesregierung sehr stark auf ihre Verteilungswirkung hin geprüft werden. Es gibt mittlerweile zahlreiche Vorschläge für klimapolitische Maßnahmen mit sozialer Komponente. Von Verbesserungen im öffentlichen Verkehr und einem Ausbau umweltfreundlicher Fernwärme in Ballungsgebieten profitieren beispielsweise überdurchschnittlich Menschen mit relativ geringem Einkommen.
Die Förderung von Elektroautos, Heizungstausch und Gebäudesanierungen könnte zukünftig deutlich stärker als bisher darauf ausgerichtet sein, denjenigen Menschen Fördermittel bereitzustellen, die sich diese Maßnahmen ohne Förderung nicht leisten könnten. Ergänzt werden sollten diese Maßnahmen nach Möglichkeit durch ein Klimageld, das dabei hilft, die laufenden Kosten der Energieversorgung zu reduzieren.
Die Industrie benötigt in besonderem Maße eine ausreichende Planungssicherheit für potenzielle Investitionen in klimafreundliche Produktionsrouten. Denn neue Anlagen in der Industrie haben häufig eine Nutzungsdauer von mehreren Jahrzehnten und sind mit sehr hohen Investitionen verbunden. Das kommende Klimaschutzprogramm sollte daher insbesondere der energieintensiven Industrie zuverlässige Perspektiven für klimafreundliche Investitionen geben. Dazu könnte eine Ausweitung und Verstetigung bestehender Förderprogramm für entsprechende Investitionen zählen.
Dieser Beitrag enthält Informationen von Science Media Center.
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