Unbekannt und unbeliebt? Die Öffentliche Darstellung der oberflächennahen Geothermie
Die Transformation des Energiesystems rückt zunehmend auch Fragen der Wärmeversorgung in den Fokus. Dabei geht es längst nicht nur um technische Lösungen, sondern ebenso darum, wie diese in der Öffentlichkeit aufgenommen werden.
Während Technologien wie Wind- und Solarenergie seit Jahren intensiv diskutiert und ihre Akzeptanz umfassend wissenschaftlich begleitet wird, erhält die Geothermie – insbesondere in ihrer oberflächennahen Form – deutlich weniger Aufmerksamkeit. Dies gilt sowohl für die öffentliche und mediale Wahrnehmung als auch für die Forschung zu ihrer gesellschaftlichen Akzeptanz.
Erfahrungen aus anderen Bereichen zeigen jedoch, dass die Verständlichkeit und Akzeptanz einer technischen Lösung maßgeblich darüber entscheidet, wie erfolgreich sie umgesetzt werden kann.
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie Geothermie aktuell in den Medien dargestellt wird, welche Herausforderungen zentrale Akteursgruppen wahrnehmen und wie die Bevölkerung die Nutzung von Erdwärme einordnet.
Um diese bislang wenig untersuchten Aspekte zu beleuchten, haben wir im Rahmen des Projekts EASyQuart-Plus drei Studien durchgeführt.
Studiendesign
In einer quantitativen Inhaltsanalyse wurden 501 Artikel und Beiträge aus überregionalen (u.a. SZ, FAZ) sowie sächsischen Medien (u.a. LVZ, Freie Presse) aus den Jahren 2014 bis 2024 untersucht. Analysiert wurden zentrale Themen, beteiligte Akteure, Prognosen und die Tonalität der Berichterstattung zu Geothermie. Ein besonderer Fokus liegt auf der Darstellung von Vor- und Nachteilen sowie dem Informationsgehalt der Beiträge.
Ergänzend wurden 20 leitfadengestützte Interviews mit zentralen Stakeholdern aus Behörden, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft in Deutschland geführt (Januar bis März 2025). Ziel war es, Wahrnehmungen von Vor- und Nachteilen der oberflächennahen Geothermie, Macht- und Interessenkonstellationen in Geothermieprojekten sowie Herausforderungen in der Zusammenarbeit zwischen den Akteursgruppen zu analysieren.
Zuletzt wurde eine repräsentative Online-Befragung von 2.144 Personen in Deutschland (quotiert nach Alter, Geschlecht, Bildung und Bundesland) im März 2025 durchgeführt. Untersucht wurden Wissen, Einstellungen und Akzeptanz gegenüber (oberflächennaher) Geothermie, verbreitete Missverständnisse und Vorurteile sowie Einflussfaktoren auf die Akzeptanz der Technologie.
Wie wird Geothermie in den Medien dargestellt?
Die Medienanalyse zeigt: Beiträge über Geothermie unterscheiden nicht zwischen oberflächennaher und tiefer Geothermie. Sie erklären die Verfahren nur selten und liefern kaum anschauliche Darstellungen, die Funktionsweisen und Einsatzmöglichkeiten oder mögliche Vor- und Nachteile vermitteln. Dadurch entsteht ein wenig differenziertes Bild der Geothermie.
Im Zehnjahresvergleich wird jedoch ein klarer Trend sichtbar: Der Ton ist deutlich positiver geworden. Positive Einschätzungen und Prognosen der Geothermie überwiegen. Währenddessen verlieren Meldungen über Schäden und Widerstände der Bevölkerung zunehmend an Bedeutung.
Auch der thematische Rahmen verändert sich. Viele Beiträge stellen die Geothermie inzwischen stärker in den Kontext von Politik und Energiewende. Dabei fällt auf, dass politische Akteure den medialen Diskurs dominieren, während wirtschaftliche Akteure seltener auftreten und Experten aus der Wissenschaft oder Verbänden kaum zu Wort kommen – auch dann nicht, wenn es um technische Fragen geht.

Abb. Themen der Berichterstattung zu Geothermie im Untersuchungszeitraum.
Auffällig ist auch die lokale Perspektive: Redaktionen berichten meist nur dann, wenn ein Projekt in der Region startet oder abgeschlossen wird. Hierbei wird die Geothermie häufig als Nutzen für Regionen dargestellt. Als Treiber dieser Entwicklung werden Energieversorger, regionale Politiker, Ämter, Behörden und Ministerien genannt.
Dabei wird ein Problem sichtbar: Medien ordnen Geothermie überwiegend im Lokalteil ein, dies gilt auch für überregionale Zeitungen. Ein übergeordneter Austausch darüber, welche Rolle die Technologie für die zukünftige Wärmeversorgung spielen kann, findet daher bislang kaum statt.
Wie nehmen Behörden, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft die Geothermie wahr?
Die Befragten berichten von verbreiteten Missverständnissen in der Bevölkerung. Sie erleben in ihrer Arbeit Unsicherheiten beim Verständnis der Technologie, falsche Rückschlüsse aus früheren Schadensfällen oder Unklarheiten zu (langfristigen) Kosten und möglichen Risiken.
Gleichzeitig betonen die Gesprächspartner selbst mehrere Stärken der Geothermie: Sie schätzen die lokale Verfügbarkeit der Energiequelle, ihre Fähigkeit, kontinuierlich Wärme zu liefern, die zusätzliche Option zum Kühlen von Gebäuden und die Möglichkeit, den Untergrund zu regenerieren.
Andererseits verweisen sie auf Schwächen, die sie in ihrer täglichen Arbeit erleben: hohe Investitionskosten, komplexe Planungs- und Genehmigungsverfahren, eine Abhängigkeit von Förderprogrammen sowie Unsicherheiten darüber, wie sich der Strompreis entwickelt.
Die Untersuchung zeigt zudem, warum Kommunikation über Geothermie herausfordernd ist. Die Vielzahl beteiligter Akteure in Geothermieprojekten stellt hohe Anforderungen an Abstimmung und Ansprache – je nach Projektphase und Einfluss müssen verschiedene Partner informiert und einbezogen werden.
Hinzu kommen Unterschiede in Wissen, benötigten Informationen und Erwartungen der jeweiligen Zielgruppen. Nicht zuletzt erschwert die technologische Komplexität eine verständliche Vermittlung von Wissen und letztlich die Akzeptanz von Geothermie.
Wie steht die deutsche Bevölkerung der Geothermie gegenüber?
Eine repräsentative Bevölkerungsbefragung liefert erstmals umfassende Einblicke in Wissen und Einstellungen der deutschen Bevölkerung zu Geothermie. Das Wissen ist insgesamt niedrig – sowohl in Bezug auf Geothermie allgemein als auch auf oberflächennahe Geothermie.
Mehr als zwei Drittel der Befragten weisen keine Kenntnisse auf. Häufig bestehen Missverständnisse zu Funktionsweise und möglichen Nachteilen der Technologie. Geothermie wird teilweise mit anderen Verfahren wie Fracking verwechselt oder sogar mit Geometrie assoziiert. Trotz dieser Wissenslücken steht die Mehrheit der Befragten oberflächennaher und tiefer Geothermie grundsätzlich positiv gegenüber. Im Vergleich zu anderen Erneuerbaren Energien zeigt sich jedoch eine geringere Zustimmung.

Bewertung der Geothermie im Vergleich zu anderen Energieformen (Mittelwerte, skaliert von 1 = sehr negativ bis 5 = sehr positiv).
Als wichtigste Vorteile der oberflächennahen Geothermie schätzen die Befragten die hohe Wärmeleistung, die Unabhängigkeit von fossilen Energieträgern und Energieimporten und den langfristigen Nutzen für zukünftige Generationen. Als wichtigste Nachteile sehen sie hohe Investitionskosten, geologische Abhängigkeiten und mögliche Einflüsse auf das Grundwasser.
Die Analyse zeigt zudem, welche Faktoren die Bewertung der Technologie beeinflussen: Wer Wärmepumpen positiv bewertet, ein hohes Umweltbewusstsein hat oder Erneuerbaren Energien generell offen gegenübersteht, bewertet auch die oberflächennahe Geothermie positiver. Ebenso zeigt sich, dass höheres Wissen zu einer besseren Bewertung der Technologie führt.
Was bedeuten die Ergebnisse für die strategische Positionierung der Geothermie?
Die Ergebnisse lassen drei Schlussfolgerungen zu:
Kommunikatives Defizit: Es besteht ein deutliches kommunikatives Defizit. Zwar berichten Medien häufiger über Geothermie und zunehmend positiv, doch sie erklären die Technik nur selten. Funktionsweisen, Unterschiede zwischen Verfahren sowie Vor- und Nachteilen bleiben meist unklar. Dadurch bleibt die Technologie für viele Menschen fremd und es haben sich Missverständnisse etabliert.
Potenzial ungenutzt: Das Potenzial für eine überregionale Positionierung der Geothermie bleibt weitgehend ungenutzt. Ein breiter Austausch darüber, welche Rolle Geothermie in der Wärmewende, im Klimaschutz oder für die Unabhängigkeit von fossilen Energieträgern und Energieimporten spielen kann, findet bisher kaum statt. Die Diskussion verbleibt häufig auf lokaler Ebene mit einem Fokus auf einzelne Projekte.
Offenheit vorhanden: Oberflächennahe Geothermie trifft grundsätzlich auf Offenheit. Einstellungen hängen eng mit der Wahrnehmung der Wärmepumpe zusammen und werden durch Vorkenntnisse beeinflusst.
Für eine höhere Kenntnis und Akzeptanz der Geothermie sind verständliche und differenzierte Informationsangebote nötigt, die verbreitete Missverständnisse aufgreifen und frühere Schadensfälle einordnen. Eine klare Trennung zwischen oberflächennaher und tiefer Geothermie sollte dabei ebenso berücksichtigt werden wie die Sichtbarkeit erfolgreich umgesetzter Projekte.
Wie Aufklärung gelingen könnte
Wissenschaftliche Expertise könnte eine größere Rolle spielen: Wenn Fachleute aus Forschung und Verbänden öffentlich stärker präsent sind, lassen sich Chancen und Grenzen der Technologie sachlich einordnen und Unsicherheiten abbauen. Dazu gehört auch, technische Grundlagen so zu erklären, dass sie für eine breite Öffentlichkeit nachvollziehbar werden.
Vorteile, die für viele Menschen besonders relevant sind – etwa lokale Verfügbarkeit, Grundlastfähigkeit, Langlebigkeit und die Unabhängigkeit von fossilen Energieträgern und Energieimporten – sollten klarer dargestellt und in ein ausgewogenes Verhältnis zu möglichen Nachteilen wie hohen Anfangsinvestitionen gesetzt werden.
Da die Wahrnehmung von Wärmepumpen eng mit Einstellungen zur Geothermie verknüpft sind, sollten Kommunikationsstrategien beide Technologien berücksichtigen. Eine breitere öffentliche Diskussion, in der Akteure aus Wissenschaft und Fachpraxis gemeinsam auftreten, ist zentral, um die Bedeutung der Geothermie im Energiesystem verständlich zu vermitteln und stärker ins Bewusstsein der Bevölkerung zu rücken.
Das Projekt wird gefördert vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestags. Die vollständigen Studien können auf der Projektwebseite der Universität Leipzig heruntergeladen werden.


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